HNPCC & Lynch-Syndrom

Wie entsteht Dickdarmkrebs?

Dickdarmkrebs entsteht nicht von heute auf morgen, sondern in einem schrittweisen Prozess, der meist über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren abläuft.

In aller Regel geht diese Neubildung von der Darmschleimhaut aus. Erbliche wie nicht erbliche Formen des Darmkrebses entstehen aus einer anfangs gutartigen Wucherung der Darmschleimhaut, einem Polypen.

Bei der häufigsten Form des erblichen Darmkrebses, dem sogenannten Lynch-Syndrom oder dem HNPCC (hereditäres nicht-polypöses kolorektales Karzinom) treten Polypen häufiger auf, als normal in der Bevölkerung und sie entstehen in einem jüngeren Lebensalter.

Ein Warnzeichen für Darmpolypen oder Darmkrebs ist das Auftreten von Blut im Stuhl, das mit einfachen Tests nachgewiesen werden kann. Auch Änderungen der Stuhlgewohnheiten können ein Hinweis für das Vorliegen eines Problems sein.

Wie kann man einen erblichen von einem nicht-erblichen Darmkrebs unterscheiden?

Es gibt keine Merkmale, die bei einer Person eindeutig diese Unterscheidung ermöglichen. Man kann allerdings molekulargenetische Untersuchungen machen, auch im Tumor, die Hinweise geben.

Letztendlich könnte jeder Darmtumor an jeder Stelle des Körpers erblich sein. Häufig sind Patienten, die familiär belastet sind jedoch jünger, als die typische Altersgruppe für Darmkrebs, die in der Altersgruppe über 60 anzusiedeln ist.

Bei einer familiären Häufung von Darmkrebs ist es durchaus so, dass auch andere Krebsformen entstehen, die einen aufhorchen lassen sollten. Hier ist an erster Stelle der Gebärmutterkrebs zu nennen (Endometriumkarzinom), sowie bösartige Tumore des Dünndarms oder auch Tumore der ableitenden Harnwege (Harnleiter, Blase). Weitere, ebenfalls gehäufte Krebserkrankungen wie Hautkrebs, Eierstockkrebs, Leberkrebs, Gallenblasenkrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs und andere sind nicht so deutlich, aber ebenfalls in diesen Familien gehäuft. Man kann aber auch eine familiäre Form des Darmkrebses aufweisen, wenn noch keiner in der Familie sonst an Darmkrebs erkrankt ist.
Dieser Verdacht liegt vor allem dann nahe, wenn eine Person unter dem fünfzigsten Lebensjahr an Darmkrebs oder einem der anderen typischen Krebs (siehe oben) erkrankt.

Wenn der Verdacht nahe liegt, so sollte man auf jeden Fall eine der vielen Beratungsstellen aufsuchen, die es zwischenzeitlich gibt. Hier sind die humangenetischen Institute und erfahrenen Kliniken zu nennen.
Dank eines großzügig von der Deutschen Krebshilfe finanzierten Projektes gibt es sechs große Zentren in Deutschland, die sich mit diesem Thema intensiv befassen und Experten für alle Aspekte der Erkrankung vorweisen können. Neben den Humangenetikern sind hier Gastroenterologen, Chirurgen, Pathologen, Frauenärzte, Psychologen unter anderem zu erwähnen.

Nähere Informationen zu diesem Projekt und zu den Zentren können dem Internetauftritt www.krebshilfe.de entnommen werden.

Kann man heute eine Erblichkeit für familiären Darmkrebs molekulargenetisch nachweisen?

Seit wenigen Jahren besteht die Möglichkeit, die Erbanlagen im Tumorgewebe beziehungsweise auch im Blut zu untersuchen. Aber leider ist es heute immer noch so, dass die meisten Patienten mit dieser Veranlagung entdeckt werden, wenn sie bereits einen bösartigen Dickdarmtumor haben.

Am häufigsten fällt die Veranlagung durch das junge Alter der Patienten zum Zeitpunkt des Dickdarmkrebses auf. Allerdings sollte vor allem auch die Frage nach der Familiengeschichte von Ärzten und der Bevölkerung mehr beachtet werden! Nur so wird es gelingen, Dickdarmkrebs in diesen Familien zu verhindern.

Wenn der Verdacht auf eine vererbliche Veranlagung vorliegt, kann man in dem vorhandenen Tumorgewebe (Tumore werden, in Formalin fixiert, über Jahre in den pathologischen Instituten aufbewahrt) Veränderungen nachweisen, die auf eine Erblichkeit hindeuten. Erst dann würde man im Blut einer betroffenen Person nach der eigentlichen Veränderung selbst suchen.

Was bedeutet es, wenn tatsächlich eine erbliche Veranlagung nachgewiesen wird?

Heutzutage bietet man diese Untersuchungen zunächst nur einer betroffenen, an Krebs erkrankten Person aus einer Familie an. Die aufwändigen Untersuchungen werden dann von den Kostenträgern übernommen, wenn bestimmte Merkmale in dem Tumor nachgewiesen werden (Mikrosatelliteninstabilität) oder wenn die Häufigkeit der Krebserkrankungen in den bereits genannten Organen den Verdacht auf ein Lynch-Syndrom nahe legen.

Wenn die genaue veränderte Erbanlage bei einer betroffenen Person in der Familie nachgewiesen wurde, dann kann man für alle Verwandten (ersten Grades zunächst) eine vorhersagende molekulargenetische Untersuchung (aus dem Blut) durchführen und die Veranlagung mit hundertprozentiger Sicherheit nachweisen oder ausschließen.
Statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit für beide Geschlechter genau so hoch, die Veranlagung zu erben oder sie nicht zu erben. Rein rechnerisch also wird jeder Zweite die veränderte Erbanlage mit in die Wiege bekommen – auch dann heißt es noch lange nicht, dass man an Krebs erkranken wird, erst recht nicht, wenn man die empfohlenen Vorsorge- und Früherkennungen einmal jährlich über sich ergehen lässt.

Im Gegensatz zu Patienten aus nicht vorbelasteten Familien, die an Darmkrebs erkranken, werden Mitglieder aus Lynch-Syndrom-Familien lebenslang in einem intensivierten Vorsorgeprogramm belassen. Dies liegt an dem bleibenden erhöhten Risiko, weitere Tumore auszubilden.

Anschrift der Verfasserin:
Frau Prof. Dr. med. Gabriela Möslein, Chefärztin Chirurgie am St. Josefs-Hospital Bochum-Linden, Helios-Kliniken,
Axstraße 35, 44879 Bochum-Linden,
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Quelle: Deutsche ILCO e.V.-Bundesverband, erschienen in: ILCO-PRAXIS 4/09, S. 9-12